Was steckt hinter dem „Duisburger Intelligenz-Zettel"?

Marion Rudel ist dem Verbrechen auf der Spur.

„Es ist fast wie die Sendung Aktenzeichen XY", sagt die 30-jährige Kunsthistorikerin. Sie fahndet nach Dieben und Räubern - im 18. Jahrhundert. Diese Taten mögen inzwischen verjährt sein, aber sie bleiben für die Forschung wegen der damaligen Beute bis heute aktuell. Rudel gewinnt ihre Erkenntnisse dabei quasi „durch die Hintertür". Denn sie interessiert sich in erster Linie nicht für die historischen Straftaten, sondern für die geraubten Kleider und Textilien, mit einem Augenmerk auf Seide.

So kann sie Schlüsse über Lebensverhältnisse der Menschen in der Region ziehen. Dafür durchsucht sie seit gut anderthalb Jahren die sogenannten „Duisburger Intelligenz-Zettel" als Teil des Forschungsprojektes „Parvenue - Bürgerlicher Aufstieg im Spiegel der Objektkultur im 18. Jahrhundert" am Deutschen Textilmuseum Krefeld.Das sieben bis acht Seiten umfassende Wochenblatt erschien erstmals im Mai 1727 und dann durchgehend bis 1744. Städte und Gesellschaftsgruppen wurden zum Abonnement verpflichtet. Es folgte eine Unterbrechung, aber von 1750 bis 1805 wurde es wieder veröffentlicht. Die Zeitung wurde in Duisburg gedruckt. Die Verbreitung erfolgte im westlichen Preußen, im Rheinland, am Niederrhein sowie im Grenzgebiet. Sie beinhaltete Verkündigungen des Königs, verschiedenartige Anzeigen, Suchfragen und behördliche Bekanntmachungen sowie Verbrechensmeldungen. „Auch, wenn jemand aus dem Gefängnis geflüchtet ist, was nicht selten der Fall war", scherzt Rudel. Als reiche Informationsquelle dienen ihr die Diebstahlsanzeigen, in denen Textilien und Kleidungsstücke teils sehr detailreich beschrieben werden. Diese Beschreibungen sagen einiges über das Material, Farbigkeit, Verzierungen, den Besitz von Textilien und das Kleidungverhalten im 18. Jahrhundert am Niederrhein aus. Als Quelle liegen die Zettel in einigen nordrhein-westfälischen Archiven wie im Landesarchiv in Duisburg vor. Andere Quellen aus dieser Zeit mit einem Textilien-Hintergrund sind selten, weshalb sich die Auswertung der Intelligenz-Zettel lohne, so Rudel.So wird beispielsweise über einen Diebstahl der besonderen Art in Krefeld berichtet: Wegen Seidendiebstahls wurde am 10. August 1751 Johann Franzes (Ehefrau oder Tochter?) Sybilla verhaftet, später auch noch weitere Frauen. Die Beklagten gehörten nicht einer Randgruppe an, sondern vielmehr der mennonitischen (und protestantischen) Oberschicht - zumindest noch gesellschaftlich, die wirtschaftlichen Verhältnisse waren wohl eher ärmlich. Wäre das nicht schon alles Skandal genug, wurde das Verbrechen samt Namen noch im „Wöchentlichen Duisburger Adreß-und Intelligenz-Zettuln" überregional veröffentlicht. Aus dem Bericht geht auch noch hervor, dass nicht nur Diebstahl angeklagt wurde, sondern auch der Handel mit dem Diebesgut.

Eine Plage: Räuberbanden am Niederrhein

Eine große Plage bildeten im 18. Jahrhundert zudem Räuberbanden am Niederrhein. Meist mit mehreren Männern überfielen sie Kirchen, Höfe, Gast- und Privathäuser. Dabei gingen sie nicht zimperlich vor, sondern setzten brutale Gewalt ein. Als Beute verzeichneten die Intelligenz-Zettel auch die geraubten Kleider und Textilien. Bei der einfachen Bevölkerung handelte es sich in der Regel um Leinenstoffe und Bettzeug, bei reichen Bürgern auch um hochwerte Textilien und Kleidung aus Seide. Solche Fälle erfasst Rudel in Tabellen, die abschließend ein Bild über den Konsum und den Besitz von Textilien im 18. Jahrhundert in dieser Region ermöglichen. „Es ist ein großes Glück, dass wir an das Pavenue-Verbundprojekt angeschlossen sind", sagt Dr. Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Leiterin des Deutschen Textilmuseums Krefeld. Für eine Kinderkleider-Ausstellung nutzte sie bereits vor einigen Jahren diese ergiebige Quelle, die sie stichprobenartig auswertete. Mit der Analyse von Diebstahls- und Verkaufsanzeigen sowie von Steckbriefen wird die Quellengattung der Duisburger Intelligenz-Zettel nun für eine weitere wissenschaftliche Bearbeitung umfassend erschlossen. An dem Projekt „Parvenue - Bürgerlicher Aufstieg im Spiegel der Objektkultur im 18. Jahrhundert" beteiligen sich das Deutsche Textilmuseum Krefeld, die Heinrich-Heine-Universität, die Hochschule Fresenius, das Museum Burg Linn und das Hetjens-Museum. Die Finanzierung erfolgt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation