Theater in Zeiten von Corona: Sechs Meter Abstand beim Bühnenkuss

So ein Bühnenkuss in Corona-Zeiten ist eine echte Herausforderung.

Zu den romantischen Klängen von Beethovens „Der Kuss" bewegen die Sopranistin Maya Blaustein und der Tenor Woongyi Lee ihre Lippen sehnsüchtig aufeinander zu, wünschen sich nichts mehr als die innige Berührung zweier Verliebter. Das Problem ist nur: Während der Proben auf der großen Bühne stehen sie sechs Meter auseinander - exakt der Abstand, der nach den derzeitigen Hygienebestimmungen vorgeschrieben ist.

So wird aus dem Kuss eine Art Pantomime unerfüllbarer Leidenschaft. „Es sei vergeb'ne Müh" lautet eine Textzeile des Liedes - selbst so einfache Sätze bekommen in diesen Zeiten eine völlig neue Bedeutung.Katja Bening, Regisseurin des Beethoven-Filmprojekts am Theater Krefeld-Mönchengladbach, meistert derweil die Herausforderung, kreativer Kopf der Produktion zu sein und gleichzeitig als oberste Hygieneaufsicht zu fungieren. „Stellen wir lieber Stühle zwischen die beiden, damit der Abstand eingehalten wird", schlägt sie vor. Und dann, fast ein wenig zu sich selbst: „Irgendwie ist da doch der Drang in jedem Menschen, dem anderen näher zu kommen." Nicht die einzige Parallele zwischen der Bühne und dem Leben.

Der Besuch von Frank Meyer beim „Jungen Theater" war seit langem geplant - nun hat der Termin einen komplett neuen Dreh entwickelt. Eigentlich war Krefelds Oberbürgermeister und Kulturdezernent bei der Operngala im November auf die Nachwuchskünstler aufmerksam geworden und hatte sich gewünscht, das ungewöhnliche Projekt des Theaters näher kennenzulernen. Das war lange vor Corona. Doch dann kam die Epidemie dazwischen, und sie drängt sich nun mal in jedes Gespräch, ob man nun will oder nicht. Und so wird aus einem Austausch über den Berufseinstieg für Künstler, über Herausforderungen und Rückschläge jetzt erst mal ein Einblick in die Theaterarbeit unter extremen Bedingungen. Schauspieler, Sänger, Musiker und Tänzer sind es ja durchaus gewohnt, kreative Lösungen zu finden und zu improvisieren. Insofern scheinen Proben auf Abstand und Küsse auf Entfernung gar nicht so sehr das Problem zu sein. Doch was wirklich fehlt, ist der Kontakt zum Publikum. „Theater braucht Nähe, das ist gerade sehr schwierig zu ersetzen. Wenn der Saal voll ist, gibt es etwas Unsichtbares, das man kaum beschreiben kann und das eine ganz andere Spannung erzeugt", sagt die Sängerin Boshana Milkov. Diese „statische Energie" fehlt jetzt - auch wenn das Theater Krefeld-Mönchengladbach im Juni wieder kleinere Formate mit Publikum realisieren wird.

Familien waren virtuell dabei

Allerdings hatten die digitalen Übertragungen der vergangenen Wochen auch ihre Vorteile. Da viele Mitglieder des Jungen Theaters aus anderen Ländern stammen, konnte ihre Familie sie nun zum ersten Mal auf der Bühne erleben - wenn auch nur virtuell. „Man lernt durch die digitalen Produktionen auch viele neue Dinge, die man nach Corona gut gebrauchen kann", findet der syrische Schauspieler Raafat Daboul. Doch trotz der Vorteile von Streaming und Co. nicken alle, als Frank Meyer die Sicht der meisten Kulturfreunde auf den Punkt bringt: „Digitale Formate können das analoge Erlebnis nicht ersetzen. Da bleibt immer ein himmelweiter Unterschied."

Home-Office der anderen Art

Ansonsten ging es den jungen Künstlern zwischen März und Mai wie fast allen anderen: Sie blieben zu Hause. Die Schauspieler lernten Texte, die Tänzer hielten sich fit, die Musiker übten an ihren Instrumenten. „Und als Sängerin singt man eben seinen Pflanzen was vor", sagt Maya Blaustein. Schließlich besteht der Stimmapparat aus Muskeln, und die wollen trainiert werden. Wie ein Sportler, der endlich wieder zu Wettkämpfen reisen darf, stürzen sich die zwölf Mitglieder des Jungen Theaters nun wieder in die Arbeit, sei es der Filmdreh zu Beethoven oder ein spartenübergreifendes Projekt zu Anne Frank. Kunst mag nicht im stillen Kämmerlein bleiben, sie will unbedingt raus zu den Menschen.

Zwölf Künstler aus neun verschiedenen Nationen

Und so kriegt das Gespräch auf der großen Bühne doch noch den Dreh zum Vorzeigeprojekt „Junges Theater", das vom Land NRW gefördert wird. Die zwölf jungen Künstler, die aus neun verschiedenen Nationen kommen, finden es großartig, dass sie so früh in ihrer Laufbahn zum festen Teil des Theaterbetriebs werden können - inklusive Einkommen nach Tarif. „Mit 25 gilt man in unserem Beruf teilweise noch als sehr jung", erzählt Boshana Milkov. „Ich habe zusätzlich das Problem, dass viele Mezzo-Partien für ältere Damen geschrieben sind. Aber hier kann ich trotzdem in so viele Stücke hineinschnuppern und als Zweitbesetzung von erfahrenen Kolleginnen lernen." Auch der junge Syrer Raafat Daboul, der als Flüchtling an den Niederrhein gekommen ist, hätte vermutlich an keinem anderen Theater so schnell eine Chance bekommen, seinen Traum zu verwirklichen.

Spannung auf den Neustart

Doch ebenso wie die Nachwuchskünstler profitiert auch das Publikum von dem Projekt. Junge Schauspieler, Sänger, Musiker und Tänzer bringen frischen Wind ins Ensemble, und die Zuschauer bekommen die Chance, neue Talente auf der Bühne zu erleben. „Ich denke, wir haben inzwischen gute Wege gefunden, mit der Corona-Situation umzugehen. Nun sind wir alle gespannt, wie es im Herbst für das Theater weitergeht", sagt Ulrike Aistleitner, Dramaturgin im Musiktheater und Leiterin des Projekts. Wie alle Künstler am Gemeinschaftstheater brennen auch die Mitglieder des Jungen Theaters darauf, wieder auf der großen Bühne zu stehen und ein möglichst großes Publikum zu begeistern - gerne mit leidenschaftlichen Bühnenküssen ohne Anstandsdame und Abstandshalter.

Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

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