Außergewöhnliches Objekt im Bestand des Textilmuseums

Über die Wiesen des Bergischen Landes jagt an einem Sommertag in den 1920er-Jahren ein Junge im dunkelblauen Marineanzug, einen Strohhut auf dem Kopf, das Schmetterlingsnetz in der einen, seine Botanisiertrommel fest in der anderen Hand einem Falter hinterher.

Einmal ein großer Forschungsreisender wie Alexander von Humboldt (1769-1859) zu sein, mag er sich dabei denken, den Orinoco befahren, durch Urwälder streifen, Vulkane erklimmen. Und bei diesem Abenteuer unbekannte Pflanzen und Insekten entdecken. Ob der Junge aus Wuppertal einen solchen Tag mal erlebte, wenn man sich seine Botanisiertrommel anschaut, kann man sich das gut vorstellen.

Die Familie des Jungen hat sie vor gut 15 Jahren dem Deutschen Textilmuseum Krefeld geschenkt. „Es ist ein außergewöhnliches Objekt, ein Unikat, in unserer einige hundert Exponate umfassenden Taschen-Sammlung", betont Dr. Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Leiterin des Deutschen Textilmuseums Krefeld.Die länglich-zylindrischen Blechgefäße gehörten einst zur Grundausstattung eines jeden Botanikers. Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schweiften vor allem Schuljungen mit ihren Trommeln für den Biologieunterricht in die Natur aus, um Insekten und Pflanzen zu sammeln. Die Bezeichnung „Botanisiertrommeln oder Botanisierbüchsen" leitet sich vom Verb „botanisieren" ab, was „Pflanzen zu Studienzwecken sammeln" bedeutet. Der deutsche Botaniker Johann Jacob Dillen (1684-1747) gilt als deren Erfinder, eine erste Erwähnung findet sich 1751 bei dem schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707-1778). Pflanzen können mittels Trommel ohne Schaden und vor dem Vertrocknen geschützt transportiert werden, um sie später zu zeichnen, zu beschreiben und anschließend in einer Sammlung aufzubewahren. Die Öffnung der Büchse mit einem bemalten Emailledeckel befindet sich stets an der Seite, so dass auch größere Pflanzenteile ohne Schwierigkeiten eingelegt werden können. Das ansonsten grüne Krefelder Exponat aus den 1920er- oder 1930er-Jahren ziert eine amüsante Szene mit drei bockspringenden Fröschen an einem Bachufer, die von einer Ente beobachtet werden. Zwei gelb-schwarze Schmetterlinge scheinen sich das Spektakel auch anzusehen.Die Botanisiertrommel im Deutschen Textilmuseum birgt auch noch eine traurige Geschichte: Sie gehörte wohl nicht nur einem, sondern zwei Jungen, zwei Brüdern. Der eine starb 1927 mit sechs Jahren an Kinderlähmung. Als vor einigen Jahren das Elternhaus aufgelöst wurde, kamen zudem mehrere auf Maß gefertigte Kleidungsstücke, unter anderem die der beiden Jungen, ins Museum wie Matrosenanzüge. Sie stammen alle aus dem berühmten Geschäft „Hamburger Kinderstube" und sind in der aktuellen Ausstellung „Zeitkolorit" in der ersten Etage zu sehen. Diese ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet und dauert noch bis zum 30. August. Der Museumseintritt für Kinder und Jugendliche ist kostenfrei. Im Museum gelten die aktuellen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen. Das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung ist Pflicht.

Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof