Friedrich Wilhelm Hoeninghaus: Ein Naturforscher aus Krefeld

 

Der 26-jährige Hoeninghaus betrat am 16. August 1797 in Altona, das zu dieser Zeit zu Dänemark gehörte, die Brigg „Providentia". Der Zweimaster unter dänischer Flagge segelte gen Westen über den Atlantik in die neue Welt. Die Ladung bestand vor allem aus Wein und nur drei Passagieren. Der junge Krefelder Kaufmann wollte in Amerika neue Geschäftskontakte für seine frisch gegründete Firma knüpfen. Doch seine Leidenschaft für die Natur stand wohl im Focus der Reise. Diese Begeisterung hatte ihre Wurzeln beim Vater, einem Lehrer an der reformierten Schule an der Rheinstraße. Bereits er faszinierte sich für die Naturwissenschaft und legte eine Sammlung an. Friedrich Wilhelm entwickelte nicht nur hier ein Talent, er beherrschte auch fünf Sprachen. Diese Voraussetzung prädestinierte ihn für eine kaufmännische Ausbildung bei den Von der Leyens, einem weltweit tätigen Textilunternehmen, für das er bis 1796 arbeitete. Die Ozeanüberquerung sollte keine Luxus-Passage werden: „In der Kajüte, wo Crethi und Plethi wie Heringe zusammenlagen und ein Vokalschnarchkonzert von sich gaben, konnte ich es des lieblichen Duftes halber nicht aushalten", berichtet der Reisende. Er ging auf Deck und erblickte zwei Schiffe, Kaper unter französischer Flagge. Von einem Boot feuerten sie einen Kanonenschuss als Warnung. Die Schiffe näherten sich an, doch die Franzosen zeigten kein besonderes Interesse. Sie begnügten sich mit der Auskunft, woher und wohin man fahre. Die Kaperung durch Briten verlief nicht so friedlich. Sie kamen an Bord und verhörten die Crew. Bei ihrem Abgang ließen sie noch eine Kiste Wein mitgehen. Weitaus bedrohlicher entwickelten sich Unwetter und Stürme, in die die Brigg geriet: „Mit jedem Augenblick wurde der Wind heftiger, die Blitze illuminierten schauderlich den ganzen Horizont. Der Ozean wütete fürchterlich. Wellen türmten sich auf Wellen", schildert Hoeninghaus.

Bei Vollmond nach Baltimore

Letztlich erreichten sie nach 15 Wochen Überfahrt die nordamerikanische Küste. Hoeninghaus ging noch am selben Abend von Bord und ließ sich bei Vollmond nach Baltimore kutschieren. Von dort ging es in zahlreiche Städte wie nach Boston und Washington, wo zu dieser Zeit das Kapitol gebaut wurde. Mit seinem Freund Eberhard Delius aus Bremen, sie lernten sich vor Orten kennen und sie blieben sich ein Leben lang verbunden, erhielt er eine Einladung zu George Washington, dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Man kam auf dem Landsitz Mount Vernon zum Frühstück zusammen. „Er sprach sehr leise und sah so ehrwürdig aus, dass unsere Hochachtung sich mit Bewunderung mischte", schreibt er im Tagebuch. Wohl zu einem späteren Zeitpunkt und durch Vermittlung Hoeninghaus' gelangte ein Porträt des Präsidenten zur Familie Von der Leyen und dann ins Museum Burg Linn. Neben den Geschäften widmete sich Heoninghaus in den Staaten seinen Beobachtungen der Natur, kletterte auf Berge, schaute sich Wasserfälle an und sammelte Pflanzen, die er in seinem Garten in Krefeld einpflanzte, einige die ersten ihrer Art in Europa. Auf seiner Rückreise 1798 machte er noch einen Abstecher zu Eingeborenen: Nach „Nova Scotia, wo ich die Micmac Indier in ihren Wigwams besuchte und ihnen ein kleines Canoe abkaufte."

1799 Hochzeit, es folgten zwölf Kinder

Als er zurückgekehrt war, konzentrierte er sich auf sein Geschäft. Vor seiner Abreise hatte er mit Jacob de Greiff eine Seidenwarenfabrik an der Steckendorfer Straße gegründet. Er heiratete 1799 Anne Maria Hornemann, mit der er zwölf Kinder hatte, einige starben früh. Seine Freude an den Naturwissenschaften teilte keines seiner Kinder. Sein Sohn Adolf Hoeninghaus wurde als Landschaftsmaler bekannt, er studierte an der Kunstakademie Düsseldorf. Friedrich Wilhelm Hoeninghaus engagierte sich auch als Stadtrat und als Präsident des Handelsgerichtes in seiner Heimatstadt. Seine Geschäfte entwickelte sich so erfolgreich, dass er sich immer zurückzog und sich seiner naturwissenschaftlichen Leidenschaft hingeben konnte. Er sammelte, beschrieb und veröffentlichte seine Funde, die er zum Teil entdeckte und die seinen Namen tragen.

Freundschaft mit Humboldt

Er reiste alljährlich durch Europa, besuchte in deutschen Staaten Kongresse und Versammlungen, stand mit Forschern in Kontakt, tauschte Funde. Einen vermutlich in Uerdingen gefundenen vorzeitlichen Zahn eines Nashornes schenkte er Alexander von Humboldt, mit dem er auch sonst in freundschaftlichem Kontakt stand. Die Einladung von Goethe erhielt Hoenighaus wahrscheinlich, weil er dem Dichter die Abbildung eines fossilen Ur-Auerochsen-Schädel geschickt hat, der Anfang des 19. Jahrhunderts am Hülser Berg gefunden wurde. Der Dichter beschäftigte sich selbst ausgiebig mit allen möglichen Wissenschaften. „Herr Hoenighaus aus Crefeld, Chef eines großen Handelshauses, zugleich Liebhaber der Naturwissenschaften, ein durch Reisen und Studien vielseitig unterrichteter Mann, war heute bei Goethe zu Tisch", notierte Johann Peter Eckermann, ein Vertrauter des Dichters. Man unterhielt sich über Naturwissenschaften und wie die Menschen von der Ansicht der Natur zu Ansichten und Hypothesen kommen. Als Erinnerung an das Treffen schrieb Goethe ihm ein Gedenkblatt: „Jeder Weg zum rechten Zwecke ist auch recht in jeder Strecke. - W. Oktober 1828. Göthe." Einige Wochen später erreichte eine Sendung aus Krefeld mit Fossilien das Haus am Frauenplan. „Mein Vater denkt noch mit Vergnügen an den Tag, den sie mit uns zugebracht und wünscht mit uns allen, dass ein freundliches Geschick Sie bald einmal wieder zu uns geleiten wird", bedankte sich Sohn August von Goethe.

Tagebuch gilt als verschollen

Das Tagebuch von Friedrich Wilhelm Hoeninghaus gilt heute als verschollen. Abschriften und Briefe wurde 1884 im Auftrag eines Enkels gedruckt bei Carl Halfmann, Crefeld. Hoeninghaus' Sammlungen bildeten einen Grundstock für das 1911 eröffnete Naturwissenschaftliche Museum in Krefeld. Die Stadt nahm rund 10.000 Objekte, unter anderem Mineralien und Fossilien samt Bibliothek als Stiftung der Familie an. Das Gebäude (Haus Heyes) im Kaiser-Friedrich-Hain wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein Großteil der Bibliothek überstand jedoch den Krieg - ob das auch für Teile der Sammlung gilt, ist nicht bekannt.

Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

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