Tradition der Weihnachtsbäume und Adventskränze ist nicht sehr alt

Der Nikolaustag hatte am katholischen geprägten Niederrhein bis in das 20. Jahrhundert eine größere Bedeutung als das Weihnachtsfest.

Das Brauchtum um den Heiligen Mann stammt aus spätmittelalterlichen Klosterschulen. Deren Schüler feierten seit dem 14. Jahrhundert am 6. Dezember ihren Patron, Nikolaus war der Heilige der Schüler. Sie wählten dann einen Kinderbischof. Dabei entstand der Brauch, Kinder am Nikolaustag zu bescheren. Adventskränze und Tannenbäume standen bis vor dem Zweiten Weltkrieg eher selten in den Stuben der Krefelder und Niederrheiner.

So war das Aufstellen eines geschmückten Tannenbaums in Hüls im 19. Jahrhundert noch eine Sensation.In diesen Tagen brennen auf den Tischen der Krefelder die Kerzen des Adventskranzes. Dieser Brauch ist in der Region allerdings nicht so alt wie mancher vielleicht vermutet: Als Erfinder des Adventkranzes gilt der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern (1808-1881). In einem Haus für gefährdete Jugendliche sollte 1839 ein Kranz mit 24 Kerzen auf die Weihnachtszeit einstimmen. Das zunehmende Licht spielte auf das Licht in Gestalt von Jesus an, der die Finsternis erhellt. Der Kronleuchter wurde später durch einen Tannenkranz ersetzt und die Zahl der Kerzen auf vier, für die vier Sonntage vor Weihnachten, reduziert. Dieses Brauchtum verbreitete sich erst nach dem Ersten Weltkrieg am Niederrhein.Traditionell gab es hier einen anderen Brauch: Am 4. Dezember, zu Sankt Barbara, wurden Zweige von Kirsch-, Pflaumen- und Pfirsichbäumen geschnitten und in eine Vase mit warmem Wasser oder nahe an einen Ofen gestellt. Sie sollten zu Weihnachten blühen. Ein blühender Zweig versprach Glück und Segen zu bringen, zeigte aber auch das Wunder des Lebens zur Geburt Jesu Christi. Katholische Familien stellten vor Heiligabend zudem Krippen auf. Die Kinder zogen von Haus zu Haus, um sich die Krippen der anderen Familien anzuschauen.

Dann sangen sie ein Lied oder sagten ein Gedicht auf. Zur Belohnung erhielten sie Gebäck.Von großer Bedeutung war in Krefeld und am Niederrhein der Nikolaustag am 6. Dezember, wie es in den benachbarten Niederlanden heute immer noch der Fall ist. Im Jahrbuch die „Heimat", Jahrgang 6, 1927, steht noch, dass die hastige Zeit es nicht vermocht habe, die Vorliebe der Jugend für den Nikolausbrauch zu verwischen. „Nikolaus, der den Leibhaftigen kettenrasselnd mit sich führt, diese Figuren erwärmen und schrecken eine für alles Mutige begeisterte Jugend mehr als das Christkind mit seiner zarten Innerlichkeit und schleierfeinen Poesie." Nach dem Martinstag, dem 11. November, warteten die Kinder auf die Ankunft des „Tsenter Kloas". Wenn sich im Spätherbst der niederrheinische Abendhimmel rot-rosa färbte hieß es, dass „Kloas" nun backe. Einige Tage vor dem Nikolaustag legten die Kinder abends für den Schimmel des Nikolaus ein Körbchen mit Heu, einer Möhre oder etwas Brot vor die Türe oder auf eine Fensterbank. Waren die Sachen am nächsten Morgen weg, glaubten sie, „Kloas" sei vorbeigeritten.In dieser Zeit stimmten die Kinder immer wieder Lieder wie „Tsenter Kloas, du helije Man" an, in denen sie den Heiligen Mann um Gaben baten. Die Zeit des Wartens teilte sich in Vorfreunde, aber auch mit Angst. Wenn es draußen polterte, galt es als Anzeichen für das Kommen des gefürchteten Begleiters des Heiligen Mannes, dem Hans Muff. Dem Glauben nach kam Nikolaus mit seinem Pferd durch den Kamin oder das offene Fenster. Für die erhofften Gaben stellten die Kinder einen Holzschuh, einen „Kloasblötsch" oder einen Teller am Vorabend auf, die dann gefüllt wurden.

Außerdem trugen die Kinder den „Kloasblötsch" zu ihren Patentanten und -onkeln, um sich dort bescheren zu lassen. Holzschuh und Teller wurden bis 1930 in der Regel mit Äpfeln, Nüssen und Kastanien, aber auch mit speziellem Gebäck wie den „Bukmänkes", einem Weckmann und Spekulatiusfiguren gefüllt. Als Hauptgaben fanden sich warme Kleidung für den Winter, Schul- und Spielzeug.Am Nikolaustag zog „Kloas" im Bischofsgewand mit Hans Muff von Haus zu Haus und fragte, ob die Kinder artig beten gelernt haben. Dieses Abfragen von Gebeten in Verbindung mit einem guten Betragen lässt sich in katholischen Regionen seit dem 17. Jahrhundert nachweisen, aber erst seit dem 19. Jahrhundert scheint sich dieser Brauch am Niederrhein verbreitet zu haben. Aus einem goldenen Buch las er dann die guten und die bösen Taten der Kinder vor. Die Gaben trug Hans Muff in einem Sack mit. Wenn die Kinder gerügt wurden, rasselt er mit einer Kette oder drohte mit einer Rute. Die Angst vor dem Nikolaus und seinem finsteren Begleiter wich jedoch sehr schnell bei den Kindern. Bereits einen Tag später verflog die Angst vor Hans Muff und seiner Rute. Sie sangen dann Spottlieder über den Heiligen Mann: „Den Markt hinauf, den Markt hinauf, da kommt der Heilige Mann! Alles, was er kann, der macht bang!".Das Weihnachtsfest blieb bis um 1930 in Krefeld und am Niederrhein eher unbedeutend. Lediglich Kinder und das Gesindel wurden an diesem Tag beschert. Die Bescherung unterm Weihnachtsbaum war hier lange unbekannt, wie beispielhaft eine Geschichte aus Hüls zeigt: Ein Großonkel einer Familie diente als Soldat im protestantischen Potsdam. In der preußischen Garnisonsstadt arbeitete er beim Militär als Schneider. Nach dem Ausscheiden aus dem Dienst kehrte er mit seiner Berliner Frau zum Ende des 19. Jahrhunderts nach Hüls zurück. Während des Weihnachtsabends „rollte" eine Nachricht durch den Ort.

Bei dem ehemaligen Soldaten stehe ein Baum mit Kerzen geschmückt im Haus.Angeblich strömten die Nachbarn zu dem Haus des Schneiders und bewunderten den Lichterbaum durch die Fenster. Noch um 1910 soll ein Weihnachtsbaum bei den Hülser Familien eher eine Seltenheit gewesen sein. Kinder kamen dann dorthin, wo ein „Kreesboom" stand, um zu singen und Gedichte aufzusagen. Aus anderen Orten am Niederrhein wird berichtet, dass sich Protestanten an diesem Tag auch etwas schenken. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm der Brauch, einen Weihnachtsbaum aufzustellen und sich an dem Tag zu bescheren, am gesamten Niederrhein zu. Zuerst sollen es besser gestellte Familien gewesen sein, die diesen evangelischen Brauch übernahmen. Dann verbreitete er sich in der gesamten Gesellschaft, auch die Bescherung verlagerte sich vom Nikolaus- auf den Weihnachtstag.

Foto: Pixabay

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