75 Jahre Freundschaft zwischen NRW und Großbritannien

Es ist ein ausgelassenes Fest der Musik und Freude - die „Last Night of the Proms" in der Londoner Royal Albert Hall.

Die „Proms in the Park" kamen 1996, und so sangen zeitgleich Tausende in Belfast, Glasgow, Swansea und Manchester bei „Land of Hope and Glory" und „Rule, Britannia" sowie „Jerusalem" mit. Inoffiziell reiht sich in die „Proms in the Park" auch die Burg Linn in Krefeld ein. In der Vorburg der mittelalterlichen Festung feierten und picknickten als Teil der „British Days" - einer mehrtägigen Messe rund um den britischen Liftstyle - einige Hundert Fans ihre „Last Night of the Proms" und schlugen an diesem Abend zumindest im Geist eine musikalische Brücke nach Großbritannien.

Das ist seit vielen Jahre eine inzwischen lieb gewordene Tradition. Indes besteht zwischen der Samt- und Seidenstadt und dem Vereinigten Königreich erst seit 1946 eine engere Beziehung, die in ihrer Anfangszeit natürlich der Zweite Weltkrieg prägte. Krefeld am Rhein gehörte zu Preußen. Die britische Militärregierung löste diesen deutschen Staat auf, Teile gingen in das Land Nordrhein-Westfalen auf.US-amerikanische Truppen eroberten Krefeld Anfang März 1945, aber bereits im Juli folgten britische Einheiten und übernahmen das Kommando. Wie in vielen anderen Orten am Niederrhein folgten den Soldaten später auch deren Familien nach Krefeld. Verteilt über das gesamte Stadtgebiet, wurden sie in größeren und kleineren Kasernen stationiert beziehungsweise wohnten in neuen „Siedlungen". Die Kinder besuchten die englische Schule in Bockum. Zu den Soldaten zählte auch Leutnant R. Grace. Mehr als sein Name und seine offensichtliche Passion für Archäologie sind über ihn leider nicht bekannt. Im Sommer 1946 durchstreifte der britische Offizier den Hees Busch südlich des Waldsees im Norden von Krefeld. Ob er gezielt suchte oder zufällig auf einen archäologischen Fund an der dortigen Antonshöhe stieß, das ist nicht überliefert. Grace entdeckte Scherben, die zu 15 Objekten aus Urnengräber der älteren Niederrheinischen Grabhügelkultur zusammengesetzt werden konnten und aus der Zeit 1100 bis 500 vor Christus stammen. Eine ordentliche Grabung im Jahr 1947 kam nicht mehr zustande, Grace wurde nach Westfalen versetzt. Er blieb aber in Kontakt mit dem zuständigen Rheinischen Landesmuseum in Bonn. Dessen damaliger Direktor Franz Oelmann schrieb ihm, dass er sich freuen würde, wenn die Funde ins British Museum gelangten und nicht in Privatbesitz blieben, damit sie für die Öffentlichkeit und die Zukunft gesichert würden. Und so kam es, dass heute diese Objekte in London zu sehen sind. Gleiches gilt übrigens für römische Grabbeigaben aus Krefeld-Uerdingen, die im 19. Jahrhundert als private Schenkung in die englische Hauptstadt gelangten.

Stützpunkt der Rhine River Patrol

Die besondere Lage Krefelds am Rhein wollten die britischen Besatzer in der unmittelbaren Nachkriegszeit so schnell wie möglich für ihre Zwecke nutzen. Der Hafen diente so unter anderem als Stützpunkt der Rhine River Patrol (Royal Navy Rhine), die einen Flussabschnitt kontrollierte. Unter den Schiffen fiel eines heraus: Die Yacht von Hermann Göring, der sich während des Kriegsverbrecherprozesses in Nürnberg 1946 selbst tötete. Die „Carin II" gelangte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in britischen Besitz. Die Briten nutzen die in „Royal Albert" umbenannte Yacht in Norddeutschland unter anderem für Hafenrundfahren in Hamburg. Im Jahr 1950 wechselte die Yacht zu ihrem neuen, festen Stützpunkt nach Krefeld am Rhein und wurde für eine noble Aufgabe genutzt: Sie diente der Königsfamilie und als Repräsentationsschiff der Royal Navy Rhine.

Die Yacht erhielt für ihre neue Funktion den Namen HMS Prince Charles, benannt nach dem britischen Thronfolger. Er selbst, sein Vater, der kürzlich verstorbene Prinz Philip - am 28. Mai 2021 wäre er 100 Jahre alt geworden - sowie Prinzessin Margaret, die jüngere Schwester von Königin Elisabeth II., waren auf der Yacht öfter Gäste, unter anderem Prinzessin Margaret anlässlich eines Truppenbesuchs, bei dem sie auch im Krefelder Hafen Militärangehörige begrüßte. HMS Prince Charles diente so nicht nur als Transportmittel, sondern wie eine kleine, schwimmende Botschaft auch für Feiern und Empfänge. Neben den britischen Soldaten gehörten auch wenige Deutsche zur Besatzung, wie der Krefelder Schiffskoch und Steward Heinz Brockhaus, der in Bockum wohnte. Im NS-Staat kochte er bei Empfängen für Hitler und Göring, nun für das britische Königshaus und seine Gäste. „Wir sind mindestens zwanzigmal in Heidelberg gewesen", erinnerte sich Brockhaus 1978 in einer Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel". Auf dem Schiff seien tausende Flaschen Sekt und Gin geleert und anschließend im Rhein versenkt worden, so der Schiffskoch.Den kleinen Prinz Charles gefiel es angeblich an Bord sehr gut, vor allem wegen des Kuchens von Brockhaus. Es wird berichtet, dass der Thronfolger ihm in der Kombüse beim Kartoffelschälen half. Ob Queen Elizabeth eventuell als Kronprinzessin auf dem Schiff weilte, kann nicht belegt werden. In Krefeld hält sich allerdings das romantische Gerücht, sie habe als junge Frau ihren späteren Mann Prinz Philip in einer Villa an der Uerdinger Straße besucht. Das Gebäude soll angeblich von den Briten genutzt und Prinz Philip dort stationiert gewesen sein. Belegt ist hingegen, dass der Kreis Kempen-Krefeld bei der Krönung von Elisabeth 1953 eine verbindende Rolle einnahm. Eine Mühle bei Nettetal-Hinsbeck ist mit 88 Metern über dem Meeresspiegel der höchste Punkt zwischen London und Köln. Die Mühle diente als Relaisstation, um die Live-Übertragung von der feierlichen Zeremonie zu übertragen.

Und die HMS Prince Charles? Die Royal Navy Rhine wurde 1958 aus Krefeld abgezogen. Das britische Militär wollte die Yacht zu dieser Zeit ohnehin ausmustern. Der Familie Göring gelang dann die schon länger geforderte Rückgabe des Schiffs, um es kurz danach zu verkaufen. Zu den späteren Eignern gehörte auch der Stern-Reporter Gerd Heidemann, der durch die gefälschten Hitler-Tagebücher zu zweifelhaften Ruhm gelangte. Die „Carin II" spielte als Nachbau in dem deutschen Kinofilm „Schtonk!" (1991), eine Satire über die Fälschung, nochmal eine zentrale Rolle: Mit Geldern aus dem Verkauf der Tagebücher wurde die Restaurierung des Bootes bezahlt. Das Original mit dem aktuellen Namen „Prince Charles" soll heute in einem ägyptischen Hafen liegen.Die Rheinflotte zog zwar aus Krefeld ab, dafür blieben andere Einheiten noch in der Stadt, allen voran das 16. Britische Nachrichtenregiment (Royal Signals). Seit der Stationierung in den 1950er-Jahren entwickelten sich vielfältige und gute Kontakte: Aus den Besatzern wurden immer mehr Freunde, und mit Katharine, Duchess of Kent, besuchte 1961 ein weiteres Mitglied der königlichen Familie die Samt- und Seidenstadt, vor allem aber „ihre" Signals. Einen Ausdruck der Verbundenheit bildete Anfang der 1970er-Jahre die städtische Verleihung des Rechts „Freedom of the City" an die „Signals", ein Ehrenrecht, das dem Rang einer Partnerschaft kaum nachsteht.Die Verleihung des Freedom-Rechts wurde am 5. September 1972 vollzogen. Nach dem feierlichen Akt marschierte die vor dem Rathaus angetretene Ehrenformation „mir blanker Waffe, fliegenden Fahnen und klingendem Spiel" durch die Stadt. Die Truppe wiederholte die Zeremonie alljährlich nach einer Parade vor dem Rathaus, bis sie Krefeld im Jahr 1997 verließ. Die Tradition wurde von den nachgerückten 7th Royal Signals beibehalten - bis sie 2002 als letzte britische Militäreinheit aus Krefeld abrückten. Neben den offiziellen Kontakten vermehrten sich über die Jahrzehnte auch die privaten Bindungen. Britische Soldaten heirateten deutsche Frauen, viele dieser Familien blieben in der Stadt. Von britischen Militärangehörigen und Krefelder Bürgern wurde eine Anglo-German-Society gegründet, die sich in regelmäßigen Zusammenkünften um die Vermittlung der beiderseitigen Kultur und Sprache bemühte.

Ein Ausdruck der neuen Nachkriegsverbundenheit ist auch die Städtepartnerschaft, die 1969 mit dem englischen Leicester in der Grafschaft Leicestershire - zwischen Sheffield und London - offiziell besiegelt wurde. Bereits 1954 lernten sich die Verwaltungschefs der beiden Städte, Town Clerk George C. Ogden und Oberstadtdirektor Dr. Bernhard Heun, bei einer Begegnung in England kennen. Im Gespräch trat die übereinstimmende Auffassung zutage, Kontakte zwischen den Städten seien ein wirksamer Beitrag zur Verständigung. Der freundschaftliche Kontakt wurde durch gegenseitige Besuche von leitenden Persönlichkeiten und Schulfahrten gefestigt. Die Partnerschaft lebt heute vor allem von zwischenmenschlichen Beziehungen wie der langjährigen und engen Freundschaft der Feuerwehren aus Leicester und Krefeld. Polizeikadetten aus der Krefelder Partnerstadt nahmen 2019 am Seifenkistenrennen am Hülser Berg. „Leicester Police Cadets are ready for the Soapboxrace", lautete das Motto der Briten. Und die Stadtverwaltung Krefeld bietet für ihre Auszubildenden ein mehrwöchiges Auslandspraktikum in Leicester an. Zuletzt besuchte Oberbürgermeister Frank Meyer vor zwei Jahren anlässlich des 50. Jahrestags der Städtepartnerschaft die englische Partnerstadt. Auf dem Programm standen Begegnungen und Gespräche mit Vertretern aus Politik und aus der Stadtgesellschaft.In seiner Rede zum Jubiläum erklärte der Oberbürgermeister Frank Meyer im Rathaus von Leicester: „Die Freundschaft zwischen Leicester und Krefeld wird weiter gedeihen, wenn wir bereit sind, gemeinsam dafür zu arbeiten und unser kleines Stück Europa konsequent zu entwickeln. Ich versichere Ihnen: Krefeld ist bereit dazu, auch wenn die Zeiten stürmischer werden und Veränderungen auf uns zu kommen, deren Folgen wir noch nicht bis ins Letzte abschätzen können. 50 Jahre gemeinsame Erfahrung, 50 Jahre lebendiger Austausch, 50 Jahre, in denen wir viel voneinander gelernt haben: All dies ist uns Verpflichtung, auf das Erreichte aufzubauen und unsere Städtepartnerschaft auch unter veränderten Bedingungen so erfolgreich fortzusetzen wie bisher."Last, but not least, besitzt Krefeld quasi einen eigenen britischen Botschafter: Aus europäischen, amerikanischen und asiatischen Museen erreichen die Kunstmuseen Krefeld immer wieder Leihanfrage für das Gemälde „Das Parlament, Sonnenuntergang" (1904) von Claude Monet. Es wurde 1907 in der sogenannten „Französischen Kunstausstellung" im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld ausgestellt. Heute eines der wertvollsten Bilder der städtischen Sammlung, sorgte sein Erwerb damals für einen Skandal. In einer Blütezeit der „Erbfeindschaft" mit Frankreich war es eine Provokation in Preußen, ausgerechnet das Bild eines französischen Malers zu kaufen. Krefeld erwarb damit als erstes deutsches Museum ein Gemälde aus einer der großen Serien Monets. Als Botschafter der Stadt Krefeld reist das Bildmotiv des britischen Parlaments weltweit in Museen.

Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

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