Fotos begleiten neue Ausstellung

Eine junge Chinesin sitzt auf einem großen, hohen Holzstuhl.

Neben ihr steht ein Junge. Beide blicken mit einem neutralen Gesichtsausdruck in die Kamera. Die Aufnahme entsteht Ende des 19. Jahrhunderts. Während der Knabe eine schlichte Kleidung trägt, wirkt die Bekleidung der jungen Frau aufwändig. Sie besteht aus mehreren Schichten. Ihre auffallend kleinen Schuhe kommen unter einem verzierten Rock hervor. Wegen der Höhe des Stuhls - vielleicht auch um sie zu betonen - stehen ihre Füße auf einem Bänkchen.

Ohne den Namen oder die Herkunft der Frau zu kennen, identifizieren die kleinen Schuhe sie, zur Ober- oder Mittelschicht der Han-Chinesen zugehörig zu sein, die größte von über 50 Bevölkerungsgruppen im Land. Im Idealfall sollten die Damenfüße nicht größer als zehn Zentimeter sein. Sie zwangen die Frauen zu Trippelschritten, beides bildete einen erotischen Reiz für chinesische Männer.Die Aufnahme stammt aus einem Konvolut von rund 3.500 Fotos, das die Geschwister Anna Reiß (1836-1915) und Carl Reiß (1843-1914) von einer Weltreise 1893 mitbrachten. Die Familie Reiß gehört im 19. Jahrhundert zu den führenden Familien in Mannheim. Anna absolvierte ein Musikstudium. Als Konzertsängerin trat sie unter anderem in Dresden und Weimar auf. Für die Pflege ihres Vaters beendete sie ihre Karriere und kehrte nach Mannheim zurück. Carl agierte als Unternehmer in seiner Geburtsstadt. Ihr gemeinsames Zuhause entwickelte sich seit den 1890er-Jahren zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Mannheim. Auf beide geht die Gründung des heutigen Reiss-Engelhorn-Museums zurück. Über ihre Weltreise führten sie kein Tagebuch. Sie verfassten auch keinen nachträglichen Bericht. Lediglich die erworbenen Fotos geben Aufschluss über ihre Route, von denen jedoch nur neun ihren Ursprung in China haben. Bei der Abbildung der jungen Chinesin auf dem Stuhl handelt es sich um eine inszenierte Atelieraufnahme. Die Globetrotterin Anna Reiß wird deswegen der wegen ihrer deformierten Füße wohl hauptsächlich auf ihren Stuhl beschränkten Frau nie persönlich begegnet sein.

"Damit ist niemand gelaufen"

Dieses Foto und acht weitere Abbildungen aus dem Bestand des Reiss-Engelhorn-Museums sind in der aktuellen Ausstellung des Deutschen Textilmuseums in Krefeld zu sehen. Sie schlagen eine Brücke zu einigen Objekten aus dem eigenen Bestand in der Präsentation. Aus dem späten 19. oder dem frühen 20. Jahrhundert stammt unter anderem ein Paar sogenannter „Lotos-Schuhe" mit Blütenranken. „Sie sind gut 14 Zentimeter lang", sagt Museumsleiterin Dr. Annette Schieck. Die aus Seide und Baumwolle hergestellten Schuhe wurden mit einer Stickerei aus Silberfäden verziert. Im herkömmlichen Verständnis handelt es sich gar nicht um Schuhe. „Damit ist niemand gelaufen. Es gibt keine Abnutzungsspuren", betont Schieck.Das Schönheitsideal der kleinen Füße beruht auf der Geschichte einer Geliebten eines chinesischen Herrschers aus dem zehnten Jahrhundert: Die Frau tanzte mit stark bandagierten Füßen auf einer goldenen, lotosblütenförmigen Bühne. Aus diesem Vorbild entwickelte sich jedoch eine Tortur: Mädchen zwischen fünf und acht Jahren wurden die Zehen gebrochen und so unter die Füße gebunden, dass diese sich auf das Maß von zehn Zentimeter entwickeln sollten. Die Hoffnung der Eltern bestand darin, ihren Töchtern einen sozialen und ökonomischen Aufstieg zu ermöglichen. Denn Frauen mit solchen Füßen galten nicht nur als erotisch, sondern auch als Statussymbol. Dieser Brauch verbreitete sich ausgehend von der Ober- bis in die Mittelschicht. Es waren zuerst Eltern, die sich weigerten, an ihren Töchtern diese Tradition fortzuführen. Staatliche Verbote reichen an den Beginn des 20. Jahrhunderts, aber erst unter der Herrschaft von Mao Tse-tung 1949 wurde es in der Volksrepublik China umgesetzt. Heute leben immer noch ältere Frauen mit solchen Füßen.

Ein Making-of-Film über die aktuelle Ausstellung „Drachen aus goldenen Fäden" ist auf dem städtischen YouTube-Kanal zu sehen. Der Film bietet einen Blick hinter die Kulissen, wie die Ausstellung vorbereitet worden ist. Kurator Walter Bruno Brix hat im Rahmen des Forschungsprojekts „Ans Licht" den ostasiatischen Bestand mit über 2.000 Objekten dokumentiert, davon 500 aus China. Für die Ausstellung wählte er 120 chinesische Textilien aus. Allen Objekten ist gemeinsam, dass sie sich mit dem goldenen Drachen auseinandersetzen, dem Symbol der kaiserlichen Macht. Die Ausstellung endet voraussichtlich am 30. Dezember. Weitere Informationen stehen unter www.deutschestextilmuseum.de

Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, D. Jochmann

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